Cardior Pharmaceuticals – Auf dem Weg zum wirksamen Medikament gegen Herzschwäche

Herzkreislauferkrankungen sind weltweit der Killer Nummer Eins. Ein Medikament zu finden, ist daher dringlich. Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Herzschwäche – meist in Folge eines Herzinfarktes. Die Akutversorgung nach einem Infarkt ist besser geworden, dennoch rutschen immer mehr Patient/-innen im Anschluss in eine Herzschwäche und versterben auch daran. 500.000 Patient/-innen bekommen pro Jahr allein in Europa diese schlechte Prognose. Weltweit sind rund 60 Millionen Patient/-innen von einer chronischen Herzschwäche betroffen. Anlass zur Hoffnung verbreiten Prof. Dr. Dr. Thomas Thum und Dr. Claudia Ulbrich. Gemeinsam haben sie Cardior Pharmaceuticals GmbH gegründet, ein aufstrebendes deutsches Biotechnologie-Unternehmen, das auf dem Gebiet von RNA-basierten Therapeutika für Patient/-innen mit Herzerkrankungen tätig ist.

Der Schwerpunkt von Cardior basiert dabei auf Forschungsarbeiten am MHH-Institut für molekulare und translationale Therapiestrategien von Institutsleiter Professor Dr. Dr. Thomas Thum. Er ist Kardiologe und als CSO von Cardior verantwortlich für die wissenschaftliche Forschung. Dr. Claudia Ulbrich ist Medizinerin und Gesundheitsökonomin. Als CEO und Co-Founderin ist sie für den Business- und Finanzbereich zuständig. Im Interview sprechen sie über Meilensteine, Hindernisse, Teamwork und auch den schönsten Moment. 

Was hat Sie bewegt, Cardior zu gründen?

Dr. Claudia Ulbrich: Den Anfang machte natürlich die Entdeckung unseres CSO, Prof. Thomas Thum, dass bestimmte nichtkodierende RNAs ein immenses und ursächliches Potenzial für die Therapie von Herzerkrankungen haben. Die Herausforderung bestand jedoch darin, die akademische Forschung in ein Produkt umzusetzen. Aus diesem Grund haben wir vor fünf Jahren Cardior gegründet, was uns ermöglicht, die Ergebnisse der Forschung in eine Therapie für Herzpatient/-innen umzuwandeln und zu kommerzialisieren. Die erste Finanzierungsrunde über 15 Mio. Euro haben wir 2017 abgeschlossen, in der zweiten Runde haben wir jetzt über 64 Mio. Euro eingesammelt.

Was mit einem Gründungsteam, bestehend aus Dr. Claudia Ulbricht und Prof. Dr. Dr. Thomas Thum begann, wurde schnell zu einem stetig wachsenden Team.

Was mit einem Gründungsteam, bestehend aus Dr. Claudia Ulbricht und Prof. Dr. Dr. Thomas Thum begann, wurde schnell zu einem stetig wachsenden Team.

Wie groß ist das Team?

Ulbrich: Momentan hat Cardior um die 20 Mitarbeiter/-innen. Das wird sich, gestützt durch die erfolgreiche Finanzierungsrunde, demnächst ändern. Wir planen, in den kommenden zwei Jahren auf 30 Mitarbeiter/-innen zu expandieren. Bereits seit ein paar Monaten haben wir einen neuen Chief Medical Officer an Bord, der das klinische Team für die weiteren Studien aufbauen wird. Aber auch im Bereich Finanzen werden wir wachsen. Uns ist es gelungen, weltweit Expert/-innen im Bereich der Kardiologie und der Arzneimittelentwicklung zu begeistern sowie weitere Führungspersonen hier nach Hannover an den Standort zu holen. Deshalb werden wir jetzt auch aus der MHH in neue Offices in den Technologiepark Hannover Marienwerder mit integrierten Labors und Büroräumen ziehen.

Was macht die kardiologischen Behandlungsmethoden so innovativ?

Prof. Dr. Dr. Thomas Thum: Die momentan verfügbaren Therapien für Herzinsuffizienz können ausschließlich die Symptome der Erkrankung lindern, packen das Übel aber nicht an der Wurzel. Cardior möchte das mit ihren Medikamenten ändern und damit einer Schädigung des Herzgewebes direkt vorbeugen, diese verhindern oder sogar rückgängig machen.

mRNA ist spätestens durch die Corona-Impfung bekannt. Was steckt hinter der Entwicklung von ncRNA, worauf Cardior sich konzentriert?

Thum: Jede Zelle unseres Körpers besitzt einen Bauplan für ihre Bestandteile und Funktion, das ist die sogenannte DNA. Wenn die Zelle zum Beispiel ein Protein herstellen möchte, muss sie den entsprechenden Abschnitt der DNA zunächst kopieren. Aus diesem kopierten Abschnitt, der RNA, kann die Zelle dann Proteine herstellen. Das ist die Grundlage, nach der auch die Corona (mRNA)-Impfung funktioniert. Es ist allerdings schon länger bekannt, dass auch Abschnitte der DNA kopiert werden, die nicht für Proteine codieren. Diese nichtcodierende RNAs (ncRNAs) regulieren unter anderem zellinterne Prozesse. In den verschiedenen Formen der Herzinsuffizienz werden diese ncRNAs unproportional stark vermehrt und bringen damit die Prozesse aus dem Gleichgewicht, was dazu führt, dass die Zellen ihre gewohnten Funktionen nicht mehr ausführen können.

Cardior entwickelt Medikamente auf der Basis nichtcodierender RNAs die komplementär, also wie ein Spiegelbild zu den körpereigenen nichtcodierenden RNAs sind. Dadurch, dass sich Cardiors Medikamente an bestimmte ncRNAs des Körpers anlagern, werden diese blockiert, Signalwege normalisiert und damit wieder eine gesunde Balance hergestellt.

Glauben Sie biochemische Behandlungsansätze wie ncRNA werden langfristig klassische Pharmazeutika ablösen?

Ulbrich: RNA-Therapeutika werden in der Zukunft sicherlich eine große Bedeutung erlangen. Dass klassische Pharmazeutika komplett abgelöst werden, glauben wir nicht, auch wenn unsere Medikamente eine völlig neue Säule in der Therapie von Herzerkrankungen sein können. Ähnlich wie in anderen Bereichen existieren neue Therapieansätze neben altbewährten. Da es in der Medizin kein “One size fits all“ Prinzip gibt, ist es am besten, bestehende Therapiekonzepte zu erweitern, um möglichst vielen Menschen helfen zu können.

Was war bisher der größte Meilenstein?

Thum: Den größten Meilenstein, den wir bis jetzt erreicht haben, sind die durchweg positiven Ergebnisse unserer Phase 1b Studie an Patient/-innen mit Herzinsuffizienz. Diese Studie hat nicht nur die Sicherheit und Verträglichkeit unseres Medikaments gezeigt, was das Ziel für ein Entwicklungsprodukt in dieser Phase ist, sondern darüber hinaus uns schon erste Hinweise auf positive Effekte auf die Herzfunktion gegeben.

Was war das größte Hindernis?

Ulbrich: Natürlich ist die Entwicklung neuer Medikamente ein langwieriger Prozess, der behördlich stark reguliert ist. Ich würde das aber nicht unbedingt als Hindernis bezeichnen, da es letzten Endes um die Sicherheit und den Schutz der Patient/-innen geht.

Was war der schönste Moment?

Thum: Das war, als der erste Patient behandelt wurde, und unser Medikament gewirkt hat und sicher war. Die Phase 1b konnten wir erfolgreich abschließen und waren überzeugt, es geht weiter – ein wirklich toller Moment.

Wie ist der aktuelle Entwicklungsstand?

Thum: Momentan bereiten wir die Phase 2 Studie für unseren führenden Produktkandidat/-innen vor. Hier testen wir vor allem die Wirksamkeit des Medikaments an Patient/-innen mit Herzinsuffizienz. Daneben entwickeln wir aber auch konstant weitere Produkte zum Beispiel für Patient/-innen mit Herzmuskelerkrankungen.

Warum haben Sie in Niedersachsen gegründet?

 Thum: Der Hauptgrund für den Standort ist natürlich, dass ich hier an der MHH meine Forschung unter den besten Bedingungen vorantreiben kann. Es ermöglicht den Zugang zu einem internationalen Netzwerk hoch qualifizierter Fachkräfte und die Möglichkeit, am Puls der aktuellen Forschung zu arbeiten.

Wie sieht die typische Arbeitsroutine in ihrem Startup aus? Gibt es einen Unterschied zu 9-to-5?

Ulbrich: Auch wenn wir noch eine relativ kleine Firma sind im Vergleich zu anderen globalen Unternehmen, unterscheiden sich die Arbeitsabläufe doch nicht zu sehr. Der größte Unterschied ist vielleicht, dass in einem kleineren Team jeder mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt. Das macht uns sehr flexibel, bedeutet aber natürlich auch, dass man ab und zu erst nach fünf Uhr nach Hause kommt.

Welchen Empfehlung würden Sie angehenden Gründer:innen im Hinblick auf Startup und Karriere geben?

Ulbrich: Ich hoffe, dass die Geschichte von Cardior auch als Inspiration für junge Leute mit guten Ideen dient. Von außen mag vieles kompliziert und aufwendig wirken, aber ich würde sagen, machen Sie es einfach.

Wenn Sie morgen nochmal neu gründen müssten, worauf würden Sie unbedingt achten?

Ulbrich: Ich glaube das allerwichtigste, wenn man eine Firma gründet, ist, dass man das richtige Team zusammenstellt. Darauf haben wir von Anfang an geachtet und das ist meines Erachtens einer der Gründe für den momentanen Erfolg von Cardior. Innerhalb von drei Jahren solche Ergebnisse zu erzielen zeigt, wie hocheffizient das Team – kombiniert aus Business und Wissenschaft – handelt. Darauf kommt es an: Eine klare, strukturierte Entwicklung, ein gutes Team und eine zielgerichtete sowie effiziente Zusammenarbeit.

 

Dieses Interview erschein zuerst bei startup.niedersachsen.

(Bilder: Cardior)

Zurück